BFSG-Checkliste für Kleinunternehmen: Was du wirklich tun musst
BFSG für Kleinunternehmen: Kein Grund zur Panik
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) klingt bedrohlich – besonders wenn du ein kleines Unternehmen führst und ohnehin schon genug um die Ohren hast. Aber die gute Nachricht: Für die meisten Kleinunternehmen ist der Aufwand überschaubar.
Die häufigsten Barrieren lassen sich mit wenig Aufwand und null Budget beseitigen. Drei Maßnahmen allein – Alt-Texte (WCAG SC 1.1.1), Kontraste (WCAG SC 1.4.3) und Formular-Labels (WCAG SC 1.3.1) – decken rund 80 % der typischen Probleme ab.
Dieser Artikel gibt dir eine priorisierte Checkliste: Was ist Pflicht, was ist Nice-to-Have, wo fängst du an – und wie sieht ein realistischer Fahrplan aus, wenn Zeit und Budget knapp sind? Außerdem erfährst du, wann du selbst Hand anlegen kannst und wann eine Agentur die bessere Wahl ist.
Das BFSG setzt die europäische Richtlinie (EU) 2019/882 (European Accessibility Act) in deutsches Recht um. Es verweist auf die harmonisierte Norm EN 301 549, die wiederum die WCAG 2.1 Level AA als technischen Mindeststandard für Webinhalte definiert. Als Kleinunternehmen musst du also nicht irgendein abstraktes Gesetz lesen – du musst die WCAG-Erfolgskriterien kennen und umsetzen. Genau das macht diese Checkliste. Weitere Informationen finden Sie im BFSG-Glossar.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Die konkrete Auslegung des BFSG hängt vom Einzelfall ab. Im Zweifel ziehe eine spezialisierte Kanzlei hinzu.
Betrifft dich das BFSG überhaupt? Schnell-Check
Bevor du loslegst, kläre zuerst: Fällt dein Angebot unter das BFSG? Das Gesetz gilt gemäß § 1 Abs. 2 BFSG für Produkte und Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr – also für Online-Shops, Buchungsportale, SaaS-Tools und ähnliche Angebote.
Eine reine Visitenkarten-Webseite ohne Kauf- oder Buchungsfunktion fällt möglicherweise nicht direkt unter das BFSG. Allerdings können das AGG und die EU-Barrierefreiheitsrichtlinie (European Accessibility Act) trotzdem greifen. Die Faustregel: Wenn Kunden bei dir online etwas kaufen, buchen oder einen Vertrag abschließen können, bist du betroffen.
Konkret fallen unter § 1 Abs. 3 BFSG unter anderem folgende Dienstleistungen:
- Online-Shops und E-Commerce-Plattformen
- Bankdienstleistungen und Zahlungsdienste
- E-Books und digitale Publikationen
- Telekommunikationsdienste
- Personenbeförderungsdienste (Buchungsportale)
Wenn du unsicher bist, ob dein Angebot betroffen ist, hilft ein schneller BFSG-Scan als erster Anhaltspunkt. Er zeigt dir, welche Barrieren auf deiner Seite existieren – unabhängig davon, ob du formal unter das BFSG fällst.
Die Kleinstunternehmer-Ausnahme: Was sie bedeutet – und was nicht
Gemäß § 3 Abs. 4 BFSG sind Kleinstunternehmen (weniger als 10 Beschäftigte und Jahresumsatz unter 2 Mio. EUR) von den Produktanforderungen für Dienstleistungen ausgenommen. Klingt erstmal nach Entwarnung – ist es aber nur teilweise.
Die Ausnahme schützt dich vor behördlichen Maßnahmen der Marktüberwachung. Sie schützt dich nicht vor:
- Abmahnungen nach § 2 UKlaG (Unterlassungsklagengesetz) durch Verbände oder Wettbewerber
- Zivilrechtlichen Ansprüchen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
- Kundenverlust – rund 10 % der Bevölkerung haben eine dauerhafte Einschränkung, viele weitere sind situativ betroffen
Mehr zu den Ausnahmen und Sonderfällen findest du in unserem Artikel BFSG-Ausnahmen für Kleinstunternehmen.
Die BFSG-Checkliste: Must-Have vs. Nice-to-Have
Nicht alle Maßnahmen sind gleich dringend. Hier die Aufteilung in Must-Have (ohne geht es nicht) und Nice-to-Have (verbessert die Nutzererfahrung, ist aber kein Showstopper):
Must-Have – Pflicht für BFSG-Konformität
- Alt-Texte für alle informativen Bilder (WCAG SC 1.1.1 – Nicht-Text-Inhalt) – sofort umsetzbar, kostenlos
- Farbkontraste prüfen und korrigieren (WCAG SC 1.4.3 – Kontrast Minimum: 4,5:1 für normalen Text, 3:1 für großen Text) – Tools helfen beim Farbkontraste prüfen
- Formular-Labels korrekt zuordnen (WCAG SC 1.3.1 – Info und Beziehungen) – nicht nur Platzhalter-Text verwenden
- Überschriften-Hierarchie einhalten (WCAG SC 1.3.1) – saubere H1 → H2 → H3-Struktur, keine Stufen überspringen
- Sprach-Attribut setzen (WCAG SC 3.1.1 – Sprache der Seite) –
<html lang="de">im HTML-Dokument - Tastatur-Navigation sicherstellen (WCAG SC 2.1.1 – Tastatur) – alle interaktiven Elemente müssen per Tab erreichbar sein
- Barrierefreiheitserklärung erstellen und verlinken – dokumentiert den aktuellen Stand und nennt Kontaktmöglichkeit
Nice-to-Have – Empfohlen, aber kein Sofort-Muss
- PDFs barrierefrei machen oder HTML-Alternative anbieten (WCAG SC 1.1.1, SC 1.3.1)
- Videos mit Untertiteln versehen (WCAG SC 1.2.2 – Untertitel voraufgezeichnet)
- Skip-Links einbauen (WCAG SC 2.4.1 – Blöcke umgehen) – ermöglicht das Überspringen der Navigation
- Fokus-Indikatoren stylen (WCAG SC 2.4.7 – Fokus sichtbar) – der Standard-Browser-Fokus reicht oft nicht
- Regelmäßig scannen – mit dem bf-check.de Scanner oder einem ähnlichen Tool
Quick Wins: Die ersten 3 Stunden
Du willst heute noch anfangen? Hier ist ein realistischer Plan für den ersten Nachmittag:
Stunde 1 – Scan und Bestandsaufnahme: Führe einen kostenlosen BFSG-Scan durch. Notiere alle gefundenen Fehler. Sortiere nach Schweregrad – kritische Fehler zuerst.
Stunde 2 – Die Top-3-Fixes: Ergänze Alt-Texte für alle Bilder. Prüfe deine Farbkontraste mit einem Contrast-Checker (z. B. WebAIM Contrast Checker) und passe Farben an. Ordne allen Formularfeldern ein <label>-Element zu.
Stunde 3 – Struktur und Sprache: Korrigiere die Überschriften-Hierarchie. Setze das lang="de"-Attribut. Teste die Tastatur-Navigation: Drücke Tab durch deine gesamte Seite und prüfe, ob du überall hinkommst.
Nach diesen 3 Stunden hast du die wichtigsten 80 % abgedeckt – ohne einen Cent auszugeben.
Budget-freundliche Maßnahmen: Was kostet wie viel?
Als Kleinunternehmen hast du kein unbegrenztes Budget. Die gute Nachricht: Die meisten Maßnahmen kosten nichts außer deiner Zeit. Hier eine realistische Kostenübersicht:
- Kostenlos (nur Zeitaufwand): Alt-Texte ergänzen, Labels zuordnen, Überschriften korrigieren, Sprach-Attribut setzen, Tastatur-Test, BFSG-Scan mit bf-check.de
- 0–50 EUR: Kontrast-Anpassungen (ggf. neues Farbschema), Skip-Link einbauen, Fokus-Indikatoren stylen
- 50–200 EUR: Barrierefreiheitserklärung von Vorlage anpassen, PDFs barrierefrei machen (bei wenigen Dokumenten)
- 200–500 EUR: Video-Untertitel für bestehende Inhalte (professionell), Cookie-Banner barrierefrei gestalten lassen
Für mehr Details zum Thema Kosten lies unseren Artikel Barrierefreiheit: Kosten und Budget realistisch planen.
DIY oder Agentur? Entscheidungshilfe
Nicht jeder braucht eine Agentur. Hier eine ehrliche Einschätzung:
DIY ist sinnvoll, wenn:
- Du eine einfache Webseite mit 5–15 Seiten hast
- Du ein Standard-CMS wie WordPress, Shopify oder Wix nutzt
- Du grundlegende HTML-Kenntnisse hast (oder bereit bist, sie dir anzueignen)
- Dein Budget unter 500 EUR liegt
Eine Agentur lohnt sich, wenn:
- Du einen komplexen Online-Shop mit vielen Produktseiten betreibst
- Du eine Web-App mit eigenen UI-Komponenten hast
- Du keine technischen Kapazitäten im Team hast
- Du ein offizielles Audit-Zertifikat für Kunden oder Partner brauchst
Ein guter Mittelweg: Starte mit einem DIY-Audit, behebe die offensichtlichen Fehler selbst und hole dir für die kniffligen Themen (ARIA-Patterns, komplexe Formulare, PDF-Sanierung) externe Hilfe.
Typische Kosten für Agentur-Leistungen
Wenn du dich für externe Unterstützung entscheidest, hier eine Orientierung:
- Basis-Audit (automatisch + manuell): 500–2.000 EUR – die Agentur scannt deine Seite, testet manuell und liefert einen Bericht mit priorisierten Empfehlungen
- Umsetzung der Fixes: 1.000–5.000 EUR – abhängig von Seitenanzahl und Komplexität
- Laufende Betreuung: 200–500 EUR/Monat – monatliche Scans, Reports und Nachbesserungen
Achte darauf, dass die Agentur nach WCAG 2.1 Level AA prüft und nicht nur automatisierte Tools einsetzt. Ein reiner Tool-Scan deckt laut Deque Research nur ca. 30 % der WCAG-Kriterien ab. Den Rest erkennt nur ein manueller Test.
Fahrplan: Deine Timeline zur BFSG-Konformität
Ein realistischer Zeitplan für ein Kleinunternehmen mit einer Standard-Webseite:
Woche 1 – Analyse und Quick Wins:
- BFSG-Scan durchführen und Fehler dokumentieren
- Alt-Texte, Kontraste und Labels korrigieren
- Überschriften-Hierarchie und Sprach-Attribut fixen
Woche 2 – Struktur und Navigation:
- Tastatur-Navigation testen und Probleme beheben
- Skip-Link einbauen
- Fokus-Indikatoren prüfen und ggf. stylen
Woche 3 – Inhalte und Dokumente:
- PDFs barrierefrei machen oder durch HTML ersetzen
- Videos mit Untertiteln versehen
- Barrierefreiheitserklärung erstellen und im Footer verlinken
Woche 4 – Abschluss-Check:
- Erneuten BFSG-Scan durchführen
- Manuellen Tastatur-Test auf allen wichtigen Seiten
- Ergebnis dokumentieren
Nach der Umsetzung: Monitoring und Pflege
Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt – sie muss gepflegt werden. Neue Inhalte, Plugin-Updates oder Design-Änderungen können neue Barrieren einführen.
Monatlich:
- Automatisierten Scan mit bf-check.de durchführen
- Neue Inhalte (Bilder, Videos, PDFs) auf Barrierefreiheit prüfen
Quartalsweise:
- Manuellen Tastatur-Test auf den wichtigsten Seiten
- Barrierefreiheitserklärung aktualisieren
- Neue WCAG-Empfehlungen oder BFSG-Auslegungen checken
Bei jedem Update:
- Nach Plugin-Updates oder Theme-Wechseln sofort scannen
- Neue Formulare, Popups oder interaktive Elemente per Tastatur testen
- Neue Bilder mit Alt-Text versehen bevor sie live gehen
Tipp: Richte dir eine monatliche Kalender-Erinnerung ein – „BFSG-Check durchführen“. So rutschst du nicht in die Falle, Barrierefreiheit zu vergessen, sobald die erste Welle erledigt ist.
Häufige Stolperfallen bei der Umsetzung
Auch mit der besten Checkliste passieren typische Fehler. Hier die häufigsten Stolperfallen, die wir bei Kleinunternehmen sehen:
- Alt-Texte kopieren statt beschreiben: „IMG_2847.jpg“ oder „Bild“ sind keine sinnvollen Alternativtexte. Beschreibe, was auf dem Bild zu sehen ist – und warum es dort steht (WCAG SC 1.1.1).
- Kontrast nur für Fließtext prüfen: Auch Buttons, Links, Platzhalter-Texte in Formularen und Fehlermeldungen müssen das Mindest-Kontrastverhältnis von 4,5:1 erfüllen (WCAG SC 1.4.3). Mehr dazu in unserem Artikel Farbkontraste prüfen und korrigieren.
- Cookie-Banner vergessen: Viele Cookie-Consent-Banner sind nicht per Tastatur bedienbar (WCAG SC 2.1.1) oder haben zu geringe Kontraste. Da sie auf jeder Seite erscheinen, betrifft das deine gesamte Webseite.
- Nur die Startseite testen: Prüfe auch Unterseiten, den Checkout-Prozess, Kontaktformulare und die Fehlerseite (404). Barrieren verstecken sich oft in Formularen und Checkout-Schritten.
- Barrierefreiheit nach Go-Live vergessen: Jedes Content-Update, jedes neue Plugin und jedes Theme-Update kann neue Barrieren einführen. Plane regelmäßige Checks ein – nicht nur einmalig.
CMS-spezifische Tipps
Je nach Content-Management-System gibt es unterschiedliche Hebel:
WordPress: Nutze ein barrierefreies Theme (z. B. aus dem WordPress-Accessibility-Ready-Verzeichnis). Prüfe Plugins vor der Installation auf Barrierefreiheit – besonders Slider, Lightboxes und Mega-Menüs sind häufige Problemquellen. Das Plugin „WP Accessibility“ kann einige Basis-Fixes automatisch setzen.
Shopify: Shopify-Themes werden zunehmend auf Barrierefreiheit getestet. Prüfe trotzdem die Tastatur-Navigation im Checkout (WCAG SC 2.1.1) und die Alt-Texte der Produktbilder. Shopifys eigene Accessibility-Dokumentation ist ein guter Startpunkt.
Wix / Squarespace / Jimdo: Baukasten-Systeme haben begrenzte Anpassungsmöglichkeiten. Achte auf die Auswahl barrierefreier Templates, setze Alt-Texte konsequent und teste die Tastatur-Navigation. Manche Baukästen setzen das Sprach-Attribut (WCAG SC 3.1.1) nicht automatisch – prüfe das.
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