Praxis

Barrierefreiheits-Audit selber machen: DIY-Checkliste für Webseitenbetreiber

Von Joshua Kantner · April 2026 · bf-check.de

Warum ein DIY-Audit? Rechtlicher Hintergrund

Seit Juni 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) Anbieter digitaler Dienstleistungen, ihre Webseiten barrierefrei zu gestalten. Grundlage sind die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2 auf Stufe AA. Wer eine Webseite mit E-Commerce-Funktion, Kontaktformularen oder Buchungsstrecken betreibt, ist in aller Regel betroffen — unabhängig von der Unternehmensgröße (§ 1 Abs. 2 BFSG).

Ein professionelles Audit durch zertifizierte Prüfer kann mehrere Tausend Euro kosten. Die gute Nachricht: Du kannst die wichtigsten Barrieren selbst aufspüren. Ein strukturiertes DIY-Audit ist kein Ersatz für eine Fachprüfung, aber es ist unendlich besser als gar kein Audit.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Für verbindliche Aussagen zur BFSG-Konformität konsultiere bitte einen Fachanwalt oder eine akkreditierte Prüfstelle.

Wie prüft man Barrierefreiheit? — Die 5-Schritte-Methodik

Das folgende Vorgehen orientiert sich an den vier WCAG-Prinzipien — Wahrnehmbar, Bedienbar, Verständlich und Robust — und kombiniert automatische mit manuellen Tests. So deckst du den größtmöglichen Anteil an Barrieren ab.

  1. Automatischen Scan durchführen — mit bf-check.de, axe DevTools, WAVE oder Lighthouse. Findet fehlende Alt-Texte, Kontrastprobleme, fehlende Labels.
  2. Tastatur-Test — Webseite nur mit Tab, Enter und Leertaste bedienen. Alle Funktionen erreichbar? (WCAG SC 2.1.1 Tastatur)
  3. Screenreader-Test — NVDA (kostenlos, Windows) oder VoiceOver (Mac) installieren und die Seite vorlesen lassen.
  4. Farbkontrast und Zoom prüfen — Minimum 4,5:1 für Normaltext (WCAG SC 1.4.3), Zoom bis 200 % ohne Funktionsverlust (WCAG SC 1.4.4).
  5. Ergebnisse dokumentieren — für die BFSG-Dokumentationspflicht (§ 3 BFSG).

Was ein DIY-Audit leisten kann (und was nicht)

Automatische Scanner decken etwa 30–40 % aller WCAG-Verstöße auf. Mit manuellen Tests (Tastatur, Screenreader, Zoom) erhöhst du die Abdeckung auf rund 60–70 %. Das reicht, um die größten Risiken zu eliminieren und die häufigsten Nutzerbarrieren zu beseitigen.

Was ein DIY-Audit nicht leisten kann: Komplexe ARIA-Patterns bewerten, kognitive Barrierefreiheit vollständig prüfen oder ein offizielles Konformitätszertifikat ausstellen. Für vollständige WCAG-Konformität braucht es manuelle Tests durch erfahrene Prüfer und idealerweise Tests mit echten Nutzern assistiver Technologien.

Schritt 1: Automatischen Scan durchführen

Automatische Tools sind dein Startpunkt. Sie prüfen in Sekunden Hunderte von Regeln und liefern eine priorisierte Fehlerliste. Die drei wichtigsten kostenlosen Tools im Überblick:

axe DevTools (Browser-Extension)

Die axe-Extension von Deque Systems ist der Industriestandard. Sie prüft direkt im Browser gegen WCAG 2.2 AA und liefert zu jedem Fehler eine Erklärung samt Lösungsvorschlag. Installiere sie für Chrome oder Firefox, öffne die DevTools (F12) und klicke auf den Reiter „axe DevTools“.

WAVE (WebAIM)

WAVE visualisiert Barrieren direkt auf der Seite — fehlende Alt-Texte, leere Links, Kontrastprobleme. Besonders hilfreich, weil du die Fehler im Kontext siehst. Erreichbar als Extension oder unter wave.webaim.org.

Google Lighthouse

Lighthouse ist in Chrome DevTools eingebaut (Tab „Lighthouse“). Es prüft Accessibility zusammen mit Performance, SEO und Best Practices. Der Accessibility-Score (0–100) gibt eine grobe Orientierung — aber Achtung: Ein Score von 100 bedeutet nicht, dass deine Seite barrierefrei ist. Lighthouse prüft nur einen Bruchteil der WCAG-Kriterien.

Profi-Tipp: Nutze alle drei Tools nacheinander. Jedes findet leicht unterschiedliche Probleme. Dokumentiere die Ergebnisse als Screenshots oder CSV-Export — das wird später deine Nachweisdokumentation.

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Schritt 2: Tastatur-Test

Der Tastatur-Test prüft WCAG-Prinzip 2 (Bedienbar) und ist einer der aussagekräftigsten manuellen Tests überhaupt. Lege die Maus beiseite und navigiere deine gesamte Webseite ausschließlich mit der Tastatur.

Wichtige Tasten:

Prüfe folgende Punkte:

Schritt 3: Screenreader-Test

Ein Screenreader liest deine Seite so vor, wie blinde und stark sehbehinderte Nutzer sie erleben. Dieser Test prüft WCAG-Prinzip 1 (Wahrnehmbar) und deckt Probleme auf, die kein automatischer Scanner findet.

Kostenlose Screenreader:

Prüfe folgende Punkte:

Schritt 4: Zoom und Vergrößerung testen

Viele Nutzer mit Sehschwäche vergrößern den Browser auf 200 % oder mehr. Teste deine Seite bei verschiedenen Zoom-Stufen:

Tipp: In Chrome kannst du den Zoom über Strg + + schrittweise erhöhen. Prüfe besonders Navigation, Formulare und Tabellen — dort brechen Layouts am häufigsten.

Schritt 5: Ergebnisse dokumentieren

Ein Audit ohne Dokumentation ist wertlos — sowohl für dich als auch für den Nachweis gegenüber Behörden. § 3 BFSG verlangt, dass Wirtschaftsakteure die Konformität ihrer Produkte und Dienstleistungen nachweisen können.

Dokumentiere für jeden gefundenen Fehler:

Erstelle eine einfache Tabelle (Excel, Google Sheets) oder nutze eine spezialisierte Tool-Übersicht, die Ergebnisse automatisch exportiert. Halte Datum des Audits, geprüfte URLs und verwendete Tools fest.

Checkliste nach WCAG-Prinzip

Nutze die folgende Kurzcheckliste als Leitfaden für dein DIY-Audit. Sie deckt die wichtigsten Erfolgskriterien der WCAG 2.2 Stufe AA ab:

Prinzip 1: Wahrnehmbar

Prinzip 2: Bedienbar

Prinzip 3: Verständlich

Prinzip 4: Robust

Wann du einen externen Experten brauchst

Ein DIY-Audit hat Grenzen. In diesen Fällen lohnt sich die Investition in eine professionelle Prüfung:

Auch wenn du einen Experten beauftragst: Das DIY-Audit bleibt wertvoll. Es hilft dir, die Ergebnisse der professionellen Prüfung zu verstehen und die Nachbesserung selbst zu steuern.

Häufig gestellte Fragen

Wie oft sollte ich ein DIY-Audit machen?
Nach jeder größeren Änderung (neues Theme, neue Seiten, neue Funktionen) und mindestens vierteljährlich. Plane feste Termine im Kalender ein.
Kann ich damit Abmahnungen vermeiden?
Ein dokumentiertes DIY-Audit zeigt Bemühungen und kann bei Verhandlungen helfen. Es ist aber kein rechtlicher Freifahrtschein — für verbindliche Aussagen solltest du einen Fachanwalt konsultieren.
Welche automatischen Tools eignen sich für ein DIY-Audit?
Die drei bekanntesten kostenlosen Tools sind axe DevTools (Browser-Extension), WAVE (WebAIM) und Google Lighthouse. Jedes findet leicht unterschiedliche Probleme, daher lohnt sich die Kombination.
Wie viel Prozent der Barrieren findet ein automatischer Scanner?
Automatische Scanner decken etwa 30–40 % aller WCAG-Verstöße auf. Den Rest — etwa korrekte Tab-Reihenfolge, sinnvolle Alt-Texte oder verständliche Fehlermeldungen — kannst du nur manuell prüfen.
Reicht Google Lighthouse allein als Audit-Tool?
Nein. Lighthouse prüft nur einen Teil der WCAG-Kriterien. Kombiniere es mit axe DevTools für tiefere Analysen und ergänze manuelle Tests (Tastatur, Screenreader, Zoom). Mehr dazu in unserer Tool-Übersicht.
Muss ich mein DIY-Audit dokumentieren?
Ja. § 3 BFSG verlangt, dass Wirtschaftsakteure die Konformität nachweisen können. Ein dokumentiertes Audit mit Datum, Ergebnissen und Maßnahmen ist dafür die Grundlage.
Wann brauche ich einen externen Experten statt DIY?
Wenn deine Webseite komplexe Interaktionen hat (Konfiguratoren, Buchungsstrecken, SPAs), wenn du ein offizielles WCAG-Konformitätszertifikat brauchst, oder wenn dein DIY-Audit viele Probleme aufdeckt, die du nicht selbst lösen kannst.

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