NVDA: Der kostenlose Open-Source-Screenreader für Windows

Kurz erklärt: NVDA (NonVisual Desktop Access) ist ein kostenloser, quelloffener Screenreader für Windows, der blinden und sehbehinderten Menschen die Nutzung des Computers per Sprachausgabe und Braillezeile ermöglicht. Er ist das meistgenutzte kostenlose Screenreader-Tool weltweit.

NVDA hat die Barrierefreiheits-Landschaft grundlegend verändert: Vor seiner Einführung 2006 waren blinde Windows-Nutzer auf den kommerziellen Screenreader JAWS angewiesen, der mehrere hundert Euro kostet. NVDA ist spendenfinanziert, Open Source und wird von der australischen Non-Profit-Organisation NV Access entwickelt. Für Web-Entwickler ist NVDA das wichtigste Testwerkzeug, um die Screenreader-Kompatibilität ihrer Seiten zu prüfen.

Was ist NVDA und wie funktioniert es?

NVDA ist eine Windows-Anwendung, die den gesamten Bildschirminhalt in Sprache oder Braille übersetzt. Der Screenreader liest Texte vor, kündigt UI-Elemente an (Buttons, Links, Formularfelder, Überschriften) und navigiert durch die Accessibility-Tree-Struktur des Betriebssystems und des Browsers.

NVDA benötigt keine Installation – es kann als portable Version direkt vom USB-Stick gestartet werden. Es unterstützt über 50 Sprachen, darunter Deutsch mit natürlich klingender Sprachausgabe. Die Software wird regelmäßig aktualisiert und unterstützt moderne Webtechnologien einschließlich WAI-ARIA, Shadow DOM und Single-Page-Applications. NVDA arbeitet am besten mit Firefox und Chrome zusammen.

Wichtige Tastenkürzel für Web-Tests

NVDA verwendet die Insert-Taste als Modifikator-Taste (NVDA-Taste). Die wichtigsten Tastenkürzel für Web-Tests:

Navigation: H = nächste Überschrift, D = nächstes Landmark, K = nächster Link, F = nächstes Formularfeld, T = nächste Tabelle, B = nächster Button. Shift + Buchstabe navigiert rückwärts.

Lesen: NVDA + Pfeil unten = alles ab hier vorlesen, Strg = Vorlesen stoppen, NVDA + Tab = aktuelles Element ansagen, NVDA + F7 = Elementliste (alle Links, Überschriften oder Landmarks auf einen Blick).

Modi: NVDA kennt einen Browse-Modus (zum Lesen) und einen Fokus-Modus (zur Interaktion mit Formularen). Der Wechsel erfolgt automatisch oder manuell mit NVDA + Leertaste. Für Web-Tests ist die Elementliste (NVDA + F7) besonders wertvoll: Sie zeigt die Überschriftenhierarchie und alle Landmarks einer Seite übersichtlich an.

NVDA für Barrierefreiheitstests einsetzen

Jeder Entwickler, der barrierefreie Webseiten bauen will, sollte grundlegende NVDA-Tests durchführen können. Ein typischer Testdurchlauf umfasst: (1) Seite laden und mit Tab durch alle interaktiven Elemente navigieren – werden alle Elemente erreicht? Wird ihr Zweck korrekt angesagt? (2) Mit H durch alle Überschriften springen – ergibt die Hierarchie Sinn? (3) Formulare ausfüllen – werden Labels korrekt vorgelesen? Fehlermeldungen angesagt? (4) Dynamische Inhalte prüfen – werden Modals, Toast-Meldungen und Live-Regionen angesagt?

Häufig entdeckte Probleme bei NVDA-Tests: fehlende oder nichtssagende Link-Texte ("hier klicken"), Icon-Buttons ohne aria-label, Formularfelder ohne Label-Zuordnung, fehlende Landmark-Rollen und Überschriftensprünge (h1 direkt zu h4). Diese Probleme sind mit automatisierten Tools oft nicht erkennbar, weil sie semantisch korrekt sein können, aber inhaltlich versagen.

NVDA vs. JAWS: Unterschiede

NVDA und JAWS sind die beiden dominierenden Screenreader auf Windows. Nach der WebAIM Screenreader Survey 2024 nutzen etwa 30 % der befragten Screenreader-Nutzer NVDA als primären Reader, während JAWS bei etwa 40 % liegt. NVDA ist jedoch die erste Wahl für Entwickler-Tests, weil es kostenlos und leichtgewichtig ist.

Technische Unterschiede: JAWS bietet proprietäre Features wie die virtuelle Cursor-Navigation und eigene Scripting-Fähigkeiten für Unternehmensanwendungen. NVDA ist schlanker, startet schneller und ist portabel. Beide Reader unterstützen die gleichen ARIA-Standards, interpretieren Edge Cases aber manchmal unterschiedlich. Für umfassende Tests empfiehlt sich daher die Prüfung mit beiden – mindestens aber mit NVDA und einem mobilen Screenreader (VoiceOver oder TalkBack).

Sprachausgabe und Braille-Unterstützung

NVDA unterstützt zahlreiche Sprachsynthesizer. Standardmäßig wird eSpeak NG mitgeliefert – ein quelloffener Synthesizer mit Unterstützung für über 50 Sprachen. Für natürlicheren Klang können kostenpflichtige Stimmen von Nuance (Vocalizer) oder Code Factory (Eloquence) nachinstalliert werden. Windows OneCore-Stimmen werden ebenfalls unterstützt.

Für Braillezeilen bietet NVDA native Unterstützung über das LibLouis-Braille-Übersetzungssystem. Über 80 Braillezeilen-Modelle werden unterstützt, darunter Geräte von HumanWare, Baum, Freedom Scientific und HandyTech. Die automatische Erkennung via USB und Bluetooth funktioniert bei den meisten Modellen. NVDA kann Computerbraille und Kurzschrift darstellen, was für Braille-Nutzer im deutschsprachigen Raum relevant ist.

Wird geprüft: bf-check prüft automatisiert, ob Webseiten die Grundvoraussetzungen für NVDA-Kompatibilität erfüllen: korrekte Überschriftenhierarchie, Labels, Landmarks und ARIA-Attribute.

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