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Magento / Adobe Commerce und BFSG: Enterprise-Shop barrierefrei machen

Von Joshua Kantner · April 2026 · bf-check.de

Magento und BFSG: Hohe Komplexität, hohe Verantwortung

Magento (jetzt Adobe Commerce) wird typischerweise von mittelgroßen bis großen Online-Shops eingesetzt. Diese Shops haben oft Tausende Produkte, komplexe Filternavigation, Kundenkonto-Bereiche und mehrstufige Checkout-Prozesse. Jede dieser Funktionen muss nach BFSG barrierefrei sein.

Bei der Komplexität von Magento-Shops ist das eine ernsthafte Herausforderung – aber keine unlösbare.

Seit dem Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) im Juni 2025 müssen Online-Shops, die unter § 1 Abs. 2 BFSG fallen, die Anforderungen der EN 301 549 und damit der WCAG 2.1 Level AA erfüllen. Für Magento-Shops mit ihren komplexen Frontend-Interaktionen bedeutet das: Jede einzelne User-Journey – von der Produktsuche über den Konfigurator bis zum Checkout – muss für alle Nutzer zugänglich sein.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Das BFSG und die zugrundeliegende EU-Richtlinie (European Accessibility Act) haben Ausnahmen und Übergangsfristen, die im Einzelfall geprüft werden sollten. Weitere Informationen finden Sie im BFSG-Glossar.

Barrierefreiheits-Status von Magento 2

Magento 2 hat in den letzten Versionen Barrierefreiheit verbessert: Das Luma-Theme nutzt semantisches HTML, grundlegende ARIA-Attribute sind vorhanden, und die Tastatur-Navigation im Checkout funktioniert akzeptabel. Adobe hat ein VPAT (Voluntary Product Accessibility Template) veröffentlicht. Aber: Custom-Themes überschreiben diese Verbesserungen oft.

Und Drittanbieter-Extensions (Payment, Shipping, Reviews) sind selten barrierefrei.

Luma-Theme: Solide Basis mit Lücken

Das Standard-Theme Luma bietet eine brauchbare Grundlage für Barrierefreiheit. Was Luma richtig macht:

Semantische Struktur (WCAG SC 1.3.1 – Info and Relationships): Luma nutzt <header>, <nav>, <main> und <footer>. Produktlisten verwenden <ol>- bzw. <ul>-Elemente. Breadcrumbs sind als <nav aria-label="Breadcrumb"> gekennzeichnet.

Skip-Link (WCAG SC 2.4.1 – Bypass Blocks): Luma enthält einen "Skip to Content"-Link, der bei Tastaturfokus sichtbar wird.

Wo Luma schwächelt: Die Layer-Navigation (Facettenfilter) hat unvollständige ARIA-Attribute. Produktbild-Galerien (Fotorama) sind per Tastatur nur eingeschränkt bedienbar. Das Mini-Cart-Overlay hat kein vollständiges Fokus-Trapping. Und die Mega-Menu-Implementierung verliert bei komplexen Kategoriestrukturen die Tastaturnavigierbarkeit.

Hyva-Theme: Moderner Ansatz, neue Herausforderungen

Das Hyva-Theme hat sich als performante Alternative zu Luma etabliert. Es nutzt Tailwind CSS und Alpine.js statt der jQuery/Knockout.js-Architektur von Luma. Für Barrierefreiheit bedeutet das:

Vorteil: Weniger JavaScript-Komplexität, schnellere Ladezeiten, mehr Kontrolle über den HTML-Output. Entwickler können barrierefreie Komponenten gezielter bauen.

Nachteil: Hyva-Extensions müssen separat auf Barrierefreiheit geprüft werden – sie sind nicht kompatibel mit Luma-Extensions. Das Hyva-Ökosystem ist kleiner, und nicht alle Hyva-Komponenten wurden mit Barrierefreiheit als Priorität entwickelt.

Beide Themes – Luma und Hyva – erfordern Custom-Arbeit für volle BFSG-Konformität. Der Unterschied liegt im Aufwand: Bei Hyva ist die Architektur moderner, bei Luma gibt es mehr dokumentierte Accessibility-Fixes.

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Die größten Baustellen in Magento-Shops

Facettenfilter die nur per Maus bedienbar sind. Produktbild-Galerien ohne Tastatursteuerung. Mini-Cart-Overlays ohne Fokus-Management.

Mega-Menüs die per Tastatur nicht navigierbar sind. Kundenregistrierung und Login mit Captchas die nicht zugänglich sind. Und: Der gesamte Checkout-Prozess wenn Payment-Provider nicht barrierefreie iFrames liefern.

Layer-Navigation (Facettenfilter)

Die Layer-Navigation ist bei den meisten Magento-Shops die größte Barrierefreiheits-Baustelle. Typische Probleme und ihre WCAG-Verstöße:

Filter nur per Klick bedienbar (WCAG SC 2.1.1 – Keyboard): Filteroptionen lassen sich oft nicht per Tab + Enter aktivieren. Die Lösung: Stelle sicher, dass jede Filteroption ein fokussierbares Element ist (<a> oder <button>, nicht <div onclick="...">).

Keine Live-Region für Ergebnis-Updates (WCAG SC 4.1.3 – Status Messages): Wenn ein Filter angewendet wird und sich die Produktliste aktualisiert (AJAX), muss der Nutzer informiert werden. Ohne aria-live="polite" auf dem Ergebnisbereich bekommt ein Screenreader-Nutzer nichts mit.

Beispiel für eine barrierefreie Filter-Aktualisierung in einem Magento-Template:

<!-- catalog/layer/view.phtml -->
<div class="block-content filter-content"
     role="region"
     aria-label="Produktfilter">
  <button class="filter-toggle"
          aria-expanded="false"
          aria-controls="filter-options">
    Filter anzeigen
  </button>
  <div id="filter-options" hidden>
    <!-- Filter-Gruppen -->
  </div>
</div>

<!-- Ergebnis-Container -->
<div id="product-list"
     aria-live="polite"
     aria-atomic="false">
  <p class="sr-only" role="status">
    24 Produkte gefunden
  </p>
  <!-- Produktliste -->
</div>

Produktkonfigurator und Varianten

Konfigurierbare Produkte (Farbe, Größe, Material) sind in Magento über Dropdown-Selects oder Swatches gelöst. Die Swatches sind das Problem:

Farbfelder ohne Textlabel (WCAG SC 1.1.1 – Non-text Content): Farbswatches zeigen nur eine Farbe, haben aber keinen Alternativtext. Screenreader lesen "Link" oder gar nichts. Lösung: Jedes Swatch braucht ein aria-label mit dem Farbnamen.

Ausgewählter Status nicht kommuniziert (WCAG SC 4.1.2 – Name, Role, Value): Wenn ein Nutzer eine Variante auswählt, muss der Status (aria-selected="true" oder aria-pressed="true") programmatisch erkennbar sein.

Checkout-Flow: Der kritischste Pfad

Der Checkout ist die wichtigste User-Journey in jedem Online-Shop – und die komplexeste für Barrierefreiheit. Magento nutzt einen Multi-Step-Checkout mit Knockout.js (Luma) bzw. Alpine.js (Hyva).

Step-Indikator (WCAG SC 1.3.1): Die Fortschrittsanzeige muss nicht nur visuell, sondern auch programmatisch den aktuellen Schritt kommunizieren. Nutze aria-current="step" für den aktiven Schritt.

Adressformulare (WCAG SC 1.3.5 – Identify Input Purpose): Jedes Adressfeld braucht das korrekte autocomplete-Attribut. Browser und Passwort-Manager können dann Felder automatisch befüllen – besonders wichtig für motorisch eingeschränkte Nutzer.

Payment-iFrames (WCAG SC 4.1.2): Zahlungsanbieter wie Stripe, PayPal oder Adyen liefern iFrames. Diese brauchen ein title-Attribut. Prüfe, ob die iFrame-Inhalte selbst barrierefrei sind – das liegt beim Zahlungsanbieter, aber du bist gemäß BFSG verantwortlich für die Gesamtnutzbarkeit.

Fehlermeldungen (WCAG SC 3.3.1 – Error Identification): Wenn ein Pflichtfeld fehlt oder eine Kreditkartennummer ungültig ist, muss die Fehlermeldung programmatisch mit dem Feld verknüpft sein und der Fokus auf das erste fehlerhafte Feld gesetzt werden.

Extension-Audit für Magento

Das Magento-Ökosystem lebt von Extensions. Jede Extension bringt eigenes Frontend-HTML mit – und kann die Barrierefreiheit deines Shops zerstören. Besonders kritisch:

Payment-Extensions: Stripe, Mollie, Adyen, PayPal – prüfe, ob die Checkout-Integration per Tastatur und Screenreader nutzbar ist. Fordere beim Anbieter ein Accessibility Statement (VPAT) an.

Review-Systeme: Bewertungssterne, die nur als Bild dargestellt werden, brauchen eine Textbeschreibung. Prüfe, ob das Bewertungsformular Labels hat und ob Sterne per Tastatur auswählbar sind. Vergleiche auch, wie andere Shop-Systeme wie Shopware oder WooCommerce das Thema lösen.

Elasticsearch/Algolia-Suche: Autocomplete-Dropdowns müssen per Tastatur navigierbar sein und ARIA-Combobox-Pattern nutzen (WCAG SC 4.1.2). Live-Ergebnisse brauchen aria-live-Regionen.

Cookie-Consent-Extensions: Cookie-Banner müssen beim Laden den Fokus erhalten und per Tastatur bedienbar sein. Ein Cookie-Banner, das den Seiteninhalt blockiert aber per Tastatur nicht erreichbar ist, sperrt Screenreader-Nutzer komplett aus.

Admin-Konfiguration für Barrierefreiheit

Im Magento-Admin gibt es mehrere Stellen, die direkt die Frontend-Barrierefreiheit beeinflussen:

Stores → Configuration → General → Web: Stelle sicher, dass die Standard-Seitentitel aussagekräftig sind. Leere oder generische <title>-Tags verstoßen gegen WCAG SC 2.4.2 (Page Titled).

Catalog → Product → Images: Das Alt-Text-Feld für Produktbilder ist standardmäßig leer. Bei Tausenden Produkten ist das ein Mammut-Projekt. Tipp: Nutze ein Datenbank-Script oder eine Bulk-Import-CSV um Alt-Texte aus Produktnamen und Attributen zu generieren.

Content → Blocks/Pages: CMS-Blöcke und -Seiten werden im PageBuilder oder TinyMCE erstellt. Achte auf Überschriften-Hierarchie, Alt-Texte und barrierefreie Formulare in Custom-Blöcken.

Code-Beispiel: Barrierefreie Produktbild-Galerie

Die Standard-Galerie (Fotorama in Luma) hat Tastatur-Schwächen. Hier ein PHTML-Override-Ansatz für barrierefreie Thumbnails:

<!-- Magento_Catalog/templates/product/view/gallery.phtml -->
<div class="gallery-wrapper"
     role="region"
     aria-label="Produktbilder">

  <!-- Hauptbild -->
  <div class="gallery-main"
       role="img"
       aria-label="<?= $block->escapeHtmlAttr($product->getName()) ?>">
    <img src="..." alt="<?= $block->escapeHtmlAttr(
      $product->getData('image_alt') ?: $product->getName()
    ) ?>" />
  </div>

  <!-- Thumbnails -->
  <div class="gallery-thumbs" role="tablist"
       aria-label="Produktbild-Vorschau">
    <?php foreach ($images as $index => $image): ?>
    <button role="tab"
            aria-selected="<?= $index === 0 ? 'true' : 'false' ?>"
            aria-label="Bild <?= $index + 1 ?> von <?= count($images) ?>"
            data-image-index="<?= $index ?>">
      <img src="<?= $image['thumb'] ?>" alt="" />
    </button>
    <?php endforeach; ?>
  </div>
</div>

Dieses Pattern nutzt role="tablist" und role="tab" für die Thumbnails, aria-selected für den aktiven Status und beschreibende aria-label-Attribute. Die Thumbnail-Bilder haben leere alt-Attribute, weil die Buttons selbst beschriftet sind.

Magento BFSG-konform machen: Strategie

Bei einem Magento-Shop empfiehlt sich ein professionelles Audit. Schritt 1: BFSG-Scan mit bf-check.de für einen ersten Überblick. Schritt 2: Die kritischsten User-Journeys (Suche, Produktseite, Warenkorb, Checkout) manuell per Tastatur und Screenreader testen.

Schritt 3: Barrierefreiheits-Bugs im Theme fixen. Schritt 4: Alle Drittanbieter-Extensions prüfen und bei den Anbietern Accessibility-Statements einfordern. Schritt 5: Alt-Texte für alle Produktbilder hinterlegen – bei Tausenden Produkten ein Mammut-Projekt.

Priorisierung nach Impact: Konzentriere dich zuerst auf die Seiten mit dem höchsten Traffic und der höchsten Conversion-Relevanz. In der Regel: Startseite → Kategorieseiten → Produktdetailseiten → Checkout → Kundenkonto.

Layout-XML für Barrierefreiheit nutzen: Magento-Layouts werden per XML konfiguriert. Du kannst barrierefreie Attribute direkt in Layout-Dateien setzen, ohne PHTML zu ändern:

<!-- app/design/frontend/Vendor/Theme/Magento_Theme/layout/default.xml -->
<referenceContainer name="header.container">
  <block class="Magento\Framework\View\Element\Template"
         name="skip-link"
         template="Magento_Theme::html/skip-link.phtml"
         before="-" />
</referenceContainer>

Automatisiertes Monitoring: Magento-Shops ändern sich laufend – neue Produkte, Kategorie-Anpassungen, Extension-Updates. Richte regelmäßige automatisierte Scans ein, um Regressionen früh zu erkennen. Vergleiche deinen Shop auch mit den Ansätzen anderer Plattformen wie Shopware.

ARIA richtig einsetzen: Magento-Themes nutzen oft zu viel oder falsches ARIA. Lerne die Grundlagen in unserem Artikel zu ARIA-Attributen, bevor du Custom-Overrides erstellst. Die erste Regel von ARIA: Wenn du ein natives HTML-Element verwenden kannst, verwende kein ARIA.

Häufig gestellte Fragen

Hat Adobe Commerce bessere Barrierefreiheit als Open-Source Magento?
Adobe Commerce hat Zugang zum VPAT und professionellem Support, aber die Core-Barrierefreiheit ist identisch. Der Unterschied liegt im Theme und den Extensions die du einsetzt.
Wie viel kostet ein Barrierefreiheits-Audit für einen Magento-Shop?
Für einen mittelgroßen Magento-Shop rechne mit 5.000-15.000 EUR für ein professionelles Audit inklusive Handlungsempfehlungen. Die Umsetzung der Fixes kommt extra.
Ist das Luma-Theme BFSG-konform?
Luma bietet eine solide Grundlage mit semantischem HTML und grundlegenden ARIA-Attributen. Für volle BFSG-Konformität sind aber Nachbesserungen nötig – insbesondere bei der Layer-Navigation, den Produktbild-Galerien und dem Fokus-Management in modalen Dialogen.
Wie mache ich den Magento-Checkout barrierefrei?
Prüfe jeden Checkout-Schritt per Tastatur und Screenreader. Die häufigsten Probleme: fehlende Labels bei Adressfeldern, Payment-iFrames ohne Titel, und Step-Indikatoren die nur visuell den aktuellen Schritt zeigen. Nutze aria-current für den aktiven Schritt und aria-describedby für Fehlermeldungen.
Was ist bei Magento-Extensions für Barrierefreiheit zu beachten?
Jede Extension bringt eigenes Frontend-HTML mit. Prüfe vor der Installation: Ist der HTML-Output semantisch? Funktionieren alle interaktiven Elemente per Tastatur? Gibt es ARIA-Attribute? Besonders kritisch sind Payment-Extensions, Review-Systeme und Produktkonfiguratoren.
Ist Hyva barrierefreier als Luma?
Hyva wurde als modernes Frontend-Theme mit Tailwind CSS und Alpine.js entwickelt und hat grundsätzlich weniger Legacy-Probleme als Luma. Allerdings sind die Barrierefreiheits-Standards bei Hyva nicht automatisch besser – es kommt auf die Implementierung im konkreten Projekt an. Hyva bietet mehr Kontrolle, aber weniger vorgefertigte a11y-Patterns.
Welche Magento-Seitentypen sind für BFSG am kritischsten?
Die kritischsten Seiten sind der Checkout-Prozess, die Produktdetailseite (Konfigurator, Bilder, Reviews), die Kategorieseite mit Layer-Navigation und das Kundenkonto. Diese Seiten haben die meisten interaktiven Elemente und die höchste Komplexität.
Muss ich bei einem Relaunch auf Magento 2.4+ die Barrierefreiheit gleich mitdenken?
Unbedingt. Ein Relaunch ist der beste Zeitpunkt, Barrierefreiheit von Anfang an einzuplanen. Nachträgliche Fixes sind bei Magento deutlich teurer als ein barrierefreies Design von Beginn an. Plane Accessibility-Anforderungen in jedes User-Story-Ticket ein.

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